Dienstag, 20. August 2013

Ein Trollinger Experiment



Mittlerweile sind ganze zehn Jahre seit dem Sommer aller Sommer ins Land gegangen. Wie ich finde eine gute Gelegenheit einige beabsichtigte Kellerleichen zu entkorken um zu sehen ob noch Leben in ihnen schlummert - und wenn ja, was für eine Art von Leben. Natürlich kann ich dieses Unterfangen nicht mit ganz gewöhnlich guten Weinen anstreben. Diese sollten mehrheitlich immernoch ganz gut dastehen würde ich meinen. Nein, wenn schon müssen es „spezielle“ Weine sein. Weine, die niemand der noch den Funken einer Hoffnung an Verstand im Hirn hat jemals auch nur mit einem Blick würdigen würde. Ganz zu schweigen davon sich die Brühe noch in den Rachen zu kippen. Passend für solch ein wagemutiges Unterfangen scheint mir, in Anbetracht das es sich um den Württemberger Weinblog handelt, der Stolz aller schwäbischen Rebsorten: der Trollinger!

Vor einigen Wochen - ja ich habe es überlebt - standen auf der Weinkarte der Trollinger Alte Reben ** 2003 vom Weingut Schnaitmann in Fellbach und der Hohenhaslacher Kirchberg Trollinger Spätlese 2003 vom Weingut Hofkammer des Herzogs von Württemberg. In ihren jungen Jahren präsentierten sich diese beiden Trollinger so unterschiedlich wie es nur sein kann. Zum einen der galante und feine Schnaitmann Trollinger und zum anderen der sehr konzentrierte, dunkle, fast schwer anmutende und etwas Trollinger untypische Kirchberg vom Herzog von Württemberg. Als kleine Ergänzung zu diesem meinem Unterfangen gesellte sich zu den beiden Hauptdarstellern noch ein Maulbronner Eilfingerberg Riesling Kabinett trocken 2003 vom selbigen Weingut des Herzogs. 


 
Weingut des Herzogs von Württemberg / Ludwigsburg, Maulbronner Eilfingerberg Riesling Kabinett trocken 2003
13% Vol., verkostet am 15.07.2013

Die Farbe des Rieslings war glücklicherweise noch klar, aber vom Alter sehr gezeichnet. Ein sehr sehr sehr sattes mit mikroskopischen Korkstückchen durchsetztes Strohgelb präsentierte sich in meinem Glase. Die Nase war enorm reif und zeigte viel firnige und oxidative Düfte. Der Geschmack war sehr rauchig, sehr hart, konnte mit viel Bitterkeit aufwarten, aber war zumindest nicht komplett kollabiert. Ich meinte leichte und sehr gereifte Zitronenaromen und einige Kokosnussschalenimpressionen an der hintersten Spitze meines Gaumenszäpfchens erkosten zu haben. Seltsamerweise konnte der Wein mit einer anständigen und etwas wild wirkenden Säure aufwarten, die ich so von einem 2003er Riesling aus dieser Lage nicht erwartet habe.

Fazit: trinken wollte ich diesen Wein eigentlich nicht mehr. Die intensiv störenden Aromen haben die Überhand gehabt. Ich würde meinen ein: erwartbares Ergebnis doch nicht vollkommen untrinkbares Ergebnis!


Weingut Schnaitmann / Fellbach, Trollinger Alte Reben ** 2003
12,5 % Vol., verkostet am 15.07.2013

Eindeutig gebräuntes Aussehen mit nicht all zu viel Vitalität und ganz schön starker Trübung. Es war mir bewusst, dass der Schnaitmann Trollinger auch in jungen Jahren über viel Trübstoffe verfügte, daher machte ich mir zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch keine größeren Sorgen. Die Nase war einfach gestrickt, doch sie schockierte - positiv - mich mit ihrem Zustand: kurze, schüchterne, sehr feine und erstaunlich frische Himbeeraromen und leicht herbe Blütendüfte. Mehr konnte ich von dieser zurückhaltenden und delikaten Nase nicht erschnüffeln. Ich war wohl wirklich zu sehr überrascht, da ich solch eine animierende Frische nicht erwartet habe. Der Geschmack war ebenfalls beunruhigend überraschend! Auf seine eigene Art und Weise sogar ein wenig beeindruckend! Himbeeren waren am Gaumen nicht so angesagt. Die Aromen gingen eher in Richtung sehr delikater Hagebutten, ein wenig verstärkt zurückhaltendem Hibiskus und der für Trollinger so typischen Bittermandelprägung. Letztere vermittelte sogar leicht elegant anmutende Gefühle, da sie nicht wie bei jungen Trollingern recht intensiv hervorstach, sondern im Gesamtbild sehr ausbalanciert wirkte. Wie es sich für einen richtigen Schnaitmann gehört zeigten sich natürlich auch einige cremige und etwas „saftige“ Züge.

Fazit: ein erstaunlich frisch und fruchtig wirkender Trollinger den man, wenn man schon etwas zu viel getrunken hat, mit einem leichten Spätburgunder aus Württemberg verwechseln könnte!


Weingut des Herzogs von Württemberg / Ludwigsburg, Hochenhaslacher Kirchberg Trollinger Spätlese trocken 2003
13 % Vol., verkostet am 15.07.2013

Pure Coca-Cola colour! Die Nase hatte viel Rauch, viele rosinige Noten, Trockenfrüchte und leider sehr viel zerkochtes Gemüse. Der Geschmack zeigte Aromen von bräunlichen und etwas schimmligen Früchten, Rauch, sehr feuchter „dreckiger“ Erde und wiederum Vieles von Rosinen. Von der Grundstruktur her war dieser Trollinger nicht mehr in existence!

Fazit: Das war mal ein trinkbarer Wein!


Ohne wenn und aber war der Schnaitmann Trollinger Alte Reben** 2003 der beste Teilnehmer an diesem Experiment. Zeitweise konnte ich mich sogar nicht entscheiden ob dieser mir besser schmeckte als der später geöffnete Chambolle-Musigny Derrière le Four 2007 von der Domaine Seguin. Ich nehme an, dass diese Unentschlossenheit  etwas mit dem Überraschungseffekt des Trollingers zu tun hatte. Eigentlich bin ich auch jetzt noch ein wenig verblüfft wie es dazu gekommen ist, dass sich der Schnaitmann so gut gehalten hat …

Gesamtfazit: Trollinger - aus hervorstehenden Jahren - kann doch reifen! Dennoch mag es mag eher selten vorkommen ;-)

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